Walchensee-Dialog

Die Wasserkraftnutzung an der oberen Isar und ihren Nebengewässern hat erhebliche negative Auswirkungen auf die dortigen Ökosysteme. Der bevorstehende Auslauf der Erlaubnis für das Walchenseekraftwerk-System bietet die Chance, maßgebliche Verbesserungen für die Ökologie zu erreichen. Um den Prozess der Neukonzessionierung und das bevorstehende Wasserrechtsverfahren von Seiten der (Naturschutz-)Verbände bestmöglich begleiten zu können und in die Prozesse aktiv eingebunden zu werden, hat der LBV die Maßnahme „Walchensee-Dialog“ ins Leben gerufen, die über das Hotspot-Projekt als Aufstockungsmaßnahme gefördert wird.

 

Mithilfe des Dialogs werden fachliche Informationen gesammelt und geteilt, gemeinsame Positionen erarbeitet und Forderungen bezüglich Forschungsbedarf, Verfahren und ggf. bezüglich des künftigen Betriebs formuliert.

 

Als erster Schritt in der Maßnahme wurde ein Grundlagenpapier ausgearbeitet, das zur Festlegung gemeinsamer, verbandsübergreifender Positionen dient. Zunächst werden Einzelgespräche mit den Naturschutz-Vereinen und -Verbänden an der Isar geführt, um gemeinsame Positionen auszuloten, später werden auf gemeinsamen Veranstaltungen mit allen Beteiligten die Ergebnisse zusammengeführt. Die Öffentlichkeit wird über die wesentlichen Entwicklungen informiert.

 

Kontakt: Hotspot-Anlaufstelle Isar und Loisach, Fabian Unger, Mail: fabian.unger@lbv.de, Telefon: 08171/649-121

Was ist das Besondere an der oberen Isar und warum ist sie so schützenswert?

Die Obere Isar zwischen Mittenwald und Sylvensteinspeicher ist eine der naturschutzfachlich wertvollsten Flächen Bayerns und Deutschlands. Die deutschlandweit einzigen größeren Vorkommen der Lebensraumtypen „Alpine Flüsse mit krautiger Ufervegetation“ und „Alpine Flüsse mit Ufergehölzen von Deutscher Tamariske“ und über 200 Rote Liste-Arten machen dies deutlich.

Unter den Rote Liste-Arten sind vom Aussterben bedrohte Arten wie die Gefleckte Schnarrschrecke, der Kiesbank-Grashüpfer, Türks Dornschrecke, der Flussuferläufer oder die Deutsche Tamariske. Sie alle sind Wildfluss-Leitarten, die innerhalb von Deutschland ihre Verbreitungsschwerpunkte hier an der oberen Isar haben oder nur noch hier vorkommen!

Die Landkreise Garmisch-Partenkirchen, Bad Tölz - Wolfratshausen und der Freistaat Bayern haben dadurch eine besondere Verantwortung, die Vorkommen dieser Arten zu erhalten und vor negativen Einflüssen durch menschliche Aktivitäten (auch durch die Wasserkraftnutzung) zu bewahren.

 

Aufgrund der hohen Bedeutung der oberen Isar wurde sie unter strengen Schutz gestellt. Vom Walchenseekraftwerk-System werden zahlreiche Naturschutzgebiete, Landschaftsschutzgebiete, europäische Vogelschutzgebiete und sogenannte europäische Fauna-Flora-Habitat-Gebiete (FFH-Gebiete) beeinflusst. Unter anderem sind betroffen:

  • Naturschutzgebiet Karwendel und Karwendelvorgebirge
  • Naturschutzgebiet Estergebirge
  • Naturschutzgebiet Insel Sassau im Walchensee
  • Landschaftsschutzgebiet Walchensee
  • Landschaftsschutzgebiet Sylvensteinsee und oberes Isartal in den Gemeinden Lenggries und Jachenau
  • Vogelschutzgebiet Karwendel mit Isar
  • Vogelschutzgebiet Estergebirge
  • Vogelschutzgebiet Loisach-Kochelsee-Moore
  • Vogelschutzgebiet Murnauer Moos und Pfrühlmoos
  • FFH-Gebiet Karwendel mit Isar
  • FFH-Gebiet Oberes Isartal
  • FFH-Gebiet Estergebirge
  • FFH-Gebiet Jachenau und Extensivwiesen bei Fleck

 

Eine Auswahl besonders gefährdeter Arten an der oberen Isar:

Vögel

Flussuferläufer

Foto: Fabian Unger
© Fabian Unger

Fische

Koppe

Foto: Andreas Hartl
© Andreas Hartl

Spinnen

Flussufer-Riesenwolfsspinne

Foto: Fabian Unger
© Fabian Unger

Heuschrecken

Gefleckte Schnarrschrecke

Foto: Fabian Unger
© Fabian Unger

Kiesbankgrashüpfer

Foto: Fabian  Unger
© Fabian Unger

Türks Dornschrecke

Foto: Fabian Unger
© Fabian Unger

Pflanzen

Deutsche Tamariske

Foto: Birgit Weis
© Birgit Weis

Alpen-Knorpellattich

Foto: Fabian Unger
© Fabian Unger

Felsen-Steintäschel

Foto: Fabian Unger
© Fabian Unger

Was sind die wichtigsten negativen Auswirkungen der Wasserkraftnutzung an der oberen Isar?

Eingriffe zur Wasserkraftnutzung der Isar haben den Wildfluss und seine Auen seit ca. 100 Jahren erheblich verändert. So hat der Betrieb des Walchenseekraftwerks seit 1924 zu maßgeblichen hydrologischen und ökologischen Veränderungen der Isar unterhalb des Krüner Wehrs, aber auch ihrer Nebengewässer geführt. Seit Inbetriebnahme des Walchenseekraftwerk-Systems werden am Krüner Wehr bis zu 25 m³/s des Isarwassers zum Walchensee abgeleitet. Nachdem das Isarbett unterhalb der Wehranlage über Jahrzehnte trockengefallen war, wurde 1990 eine Teilrückleitung durchgesetzt. Die Teilrückleitung soll im Winterhalbjahr einen Mindestabfluss von 3,0 m³/s bzw. im Sommerhalbjahr von 4,8 m³/s sicherstellen.

Doch auch der jetzige Zustand mit dem Restwasserregime verursacht schwerwiegende ökologische Probleme (eine Auswahl):

Barrierewirkung der Wehranlage

Das Krüner Wehr stellt eine Barriere für aquatische Lebewesen (Fische und Kleinlebewesen) dar. Die vorhandene Fischaufstiegsanlage kann die Unterbrechung des Flusses und den Verlust der Durchwanderbarkeit für Fische nur bedingt, für andere Wasserorganismen so gut wie gar nicht ausgleichen. Neben aquatischen Lebewesen stellt das Querbauwerk auch eine Barriere für die Ausbreitung von Pflanzen dar. Die Isar, die früher Pflanzen und Samen aus dem Gebirge bis ins Alpenvorland transportierte (sogenannte Alpenschwemmlinge), die sich dort ansiedelten, hat durch die Wehranlage ihre Funktion als Ausbreitungsachse verloren. Die Zusammensetzung der Pflanzengesellschaften unterhalb der Wehranlage hat sich dadurch verändert.

Verlust der Dynamik

Die durch den Kraftwerksbetrieb erheblich verringerte Abflussmenge führt zu einer deutlich verminderten Abflussdynamik und zu deutlich geringeren Gestaltungsmöglichkeiten des Flusses. Diese sind aber für einen Wildfluss wie die Isar und den Erhalt seiner an die Wildfluss-Dynamik angepassten Lebensräume und Arten von elementarer Bedeutung. Die besonders wertvollen und unter europäischem Schutz stehenden Lebensräume „Alpine Flüsse mit krautiger Ufervegetation“ und „Alpine Flüsse mit Ufergehölzen von Deutscher Tamariske“ sind auf eine naturnahe Abflussdynamik angewiesen.

Verlust von Offenlebensräumen und Offenlebensraum-Arten

Der geringe Mindestabfluss führt zu einer Einschränkung der Dynamik und zur Ablagerung von tonigem und schluffigem Feinsediment im Bereich der Flussaue. Durch die Feinsedimente steigt die Wasser- und Nährstoffverfügbarkeit erheblich an. Dies hat zur Folge, dass es Pflanzen auf den Kiesflächen wesentlich leichter haben und offene Stellen schneller zuwachsen. Die verringerte Abflussmenge begünstigt das Zuwachsen zusätzlich. Durch den schnellen und dichten Aufwuchs zum Beispiel von Weiden sind große Bereiche offener oder nur locker bewachsener Kiesflächen verloren gegangen. Die ursprünglich offene, spärlich bewachsene Kieslandschaft wächst zu und ergrünt.

Erhöhung der Wassertemperatur, Verringerung der Fließgeschwindigkeit

Durch den Aufstau am Krüner Wehr wurde der Fluss in ein Stillgewässer (Krüner Stausee) umgewandelt. Die Folgen sind deutlich erhöhte Wassertemperaturen sowie Kies- und Feinsediment-Ablagerungen im Staubereich. Wildflusstypische Arten (z. B. Fische), die an kaltes oder schnell fließendes Wasser gebunden sind, haben durch den Aufstau besiedelbare Lebensräume verloren und werden dadurch erheblich beeinträchtigt.

Unterbrechung des Geschiebetransports und Hochwassergefährdung

Das im Staubereich des sog. Krüner Stausees abgelagerte Kies- und Feinsediment wird bei Hochwasserabflüssen mittels sogenannter Stauraumspülungen mobilisiert. Für die Stauraumspülungen wird die Ableitung zum Walchensee verschlossen und es werden die Wehrfelder geöffnet. Dadurch erhöht sich die Abflussmenge in der unterhalb des Krüner Wehrs liegenden Flussstrecke und das im Stauraum des Krüner Stausees abgelagerte Geschiebe wird flussabwärts transportiert. Um das Isarwasser möglichst schnell wieder energetisch nutzen zu können, werden vom Kraftwerksbetreiber die Wehrfelder frühzeitig und abrupt wieder verschlossen und die Ableitung zum Walchensee wieder geöffnet. Die Schleppkraft des Wassers – also seine Transportfähigkeit für Sedimente – nimmt dadurch schlagartig ab und es kommt zur Ablagerung der Sedimentfracht. Diese sog. Auflandungen bleiben häufig im Abschnitt der Gemeinden Krün und Wallgau liegen und gefährden dort den Hochwasserschutz. Sobald die Kiesauflandungen so hoch sind, dass die Hochwasserschutzeinrichtungen nicht mehr ausreichen, um einen Hochwasserabfluss (sog. Bemessungsabfluss der Hochwasserschutzeinrichtung) schadlos abzuführen, wird Kies mit Hilfe von Baggern und LKW entnommen. Durch die immer wiederkehrenden Eingriffe werden die natürliche Entwicklung und der natürliche Zustand der Isar erheblich gestört.

Neuigkeiten aus dem Projekt:

Am 17.07.2019 wurde vom Bayerischen Landtag im Einvernehmen mit dem Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie ein Beschluss gefasst, der zahlreiche Informationen über das weitere Vorgehen hinsichtlich der Neukonzessionierung des Kraftwerk-Systems beinhaltet.

 

Aus Sicht des LBV ist vor allem wichtig, dass die Neuverhandlung der Nutzungsrechte des Walchenseekraftwerks unter Berücksichtigung der Ökologie an der Oberen Isar erfolgen soll.

 

Aufgrund der über Jahrzehnte laufenden Konzessionen für das Kraftwerks-System konnten bisher europarechtliche Vorgaben aus der Wasserrahmenrichtlinie und der NATURA 2000-Richtlinie zu Lasten der wertvollen Ökosysteme der Oberen Isar umgangen werden.

 

Die wichtigsten Inhalte des Beschlusses sind aus Sicht des LBV:

  • Dass fristgerecht bis 30.09.2020 angekündigt wird, so dass der Freistaat Bayern die wasserrechtlichen Genehmigungen neu verhandeln wird.
  • Dass dadurch die laufenden Genehmigungen für das Walchenseekraftwerk-Systems am 30.09.2030 enden.
  • Dass das Walchensee-System an die heute geltenden gewässerökologischen und naturschutzfachlichen Anforderungen angepasst werden kann.
  • Dass zur Neugenehmigung von Wasserrechten Wasserrechtsanträge von potenziellen Betreibern gestellt werden müssen und ein wasserrechtliches Verfahren (mit Beteiligung der Öffentlichkeit und Träger öffentlicher Belange) durchgeführt wird.
  • Dass vor dem wasserrechtlichen Verfahren fachliche und administrative Grundlagen ermittelt und bereitgestellt werden (u. a. in Form eines Arbeitskonzeptes, das sich bereits in Bearbeitung befindet).
  • Dass im Rahmen des Wasserrechtsverfahrens geeignete Maßnahmen für ein verbessertes Geschiebemanagement ergriffen werden sollen, die wasserwirtschaftliche und naturschutzfachliche Aspekte berücksichtigen.